Verschlafener Dialog

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[Bearbeiten] Verschlafener Dialog?

Da passiert also endlich mal etwas Neues im islamisch-christlichen Geschäft ? und keiner merkt es ?

(Nachtrag im Dezember 2007: Doch, allmählich wird der Brief hier und da zur Kenntnis genommen. Bischof Huber kündigte vor der EKD-Synode eine Befassung an; Papst Benedikt ließ am 19.11. freundlich zurückschreiben und bot ein Gespräch an. IK)


[Bearbeiten] Historische Entwicklung im Islam

Vor 2 Wochen veröffentlichten 138 führende Gelehrte der islamischen Welt einen offenen Brief an die Führer der christlichen Kirchen.

Die islamischen Führer machen sich Sorgen um den Weltfrieden: "Die Zukunft dieser Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab."

Mit Recht wurde der Brief als historisches Ereignis eingestuft ? denn noch nie haben so viele so einflussreiche Muslime aus so vielen und so unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Richtungen sich zu einer gemeinsamen Erklärung zusammengefunden. Dazu kommt der Inhalt: Es geht um eine ausgestreckte Hand, die den Christen und angedeutetermaßen auch den Juden angeboten wird.


[Bearbeiten] Sorge um den Weltfrieden

Die islamischen Führer machen sich Sorge um den Weltfrieden: "Die Zukunft dieser Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab." Deshalb richten sie mit den Worten der Sure 3:64 ein "gemeinsames Wort" an das "Volk der Schrift".

Die Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen sehen sie in der Liebe zu Gott und zum Mitmenschen, die sie als gemeinsame Grundlage beider Glaubensüberzeugungen ansprechen.


[Bearbeiten] Adressaten

Das Schreiben richtet sich an den Papst, die einzeln aufgeführten Patriarchen der orthodoxen Kirchen sowie an die leitenden Persönlichkeiten der weltweiten Zusammenschlüsse von Anglikanern, Lutheranern, Methodisten, Baptisten, Reformierten und des Weltkirchenrates.


[Bearbeiten] Unterzeichner

Der ?historische? Charakter der Erklärung liegt in der Zusammensetzung der Unterzeichner. Zum ersten Mal scheint sich hier soetwas wie eine ?islamische Ökumene? abzuzeichnen, die ein Gegengewicht zum internationalen Islamismus entwickelt.

Unter den Unterzeichnern sind die leitenden islamischen Geistlichen (Obermuftis) so verschiedener Länder wie Ägypten, Bosnien-Herzegowina, Russland, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Syrien und der Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz. Hinzu kommende führende Islamfunktionäre einiger westlicher Länder wie USA und Frankreich ? nicht aber Deutschland. Bemerkenswert sind auch zwei Ajatollahs und weitere schiitische Würdenträger und Gelehrte, wie auch die Präsenz einer ganzen Reihe von saudi-arabischen Vertretern.


[Bearbeiten] Internationales Netzwerk des gemäßigten Islam

Organisiert wurde der Offene Brief vom ?Aal-al-Bayt-Institut? in Jordanien, das von einem Angehörigen des jordanischen Königshauses geleitet wird und seit Jahren Netzwerke im islamischen Raum knüpft. Aus diesem Institut wurde vor einem Jahr auch der Offene Brief an Papst Benedikt XVI. organisiert, in dem 38 der jetzigen Unterzeichner dem Papst nach dessen Regensburger Rede ein Dialogangebot unterbreiteten.

"Endlich gibt es eine internationale Plattform für die gemäßigten traditionellen Führer des Islam, auf der sie sich treffen und ihren Konsens finden können", kommentierte der englische Religionswissenschaftler David Ford (Oxford). Bisher hätten die Extremisten freie Bahn gehabt, international als Sprecher für den Islam aufzutreten.


[Bearbeiten] Doppelgebot der Liebe als Grundlage

Bemerkenswert an dem Schreiben ist, dass es nicht nur friedensethisch, sondern theologisch argumentiert. Als Ausgangspunkt wird das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten gewählt, das mit Zitaten aus dem Koran, dem Alten und dem neuen Testament begründet wird.

Dies ist ungewöhnlich für ein islamisches Dokument, da die islamische Tradition die biblischen Schriften bisher für korrumpiert erklärt. Auch fällt der Verzicht auf das Wort "Allah" in den nichtarabischen Ausgaben des Briefes auf, wo jeweils von God/Gott/Dieu/Dio die Rede ist.


[Bearbeiten] Kirchliche Reaktionen

Die Erklärung wurde bisher durchweg begrüßt, wobei sich die Reaktionen mehr auf die Tatsache des Dialogangebotes und den freundlichen Tonfall der Erklärung bezogen, in Hinblick auf die theologische Argumentation aber eher bedeckt blieben.


  • Kardinal Tauran, der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, bekannte in einem Interview seine Überraschung, dass hier erstmals in einer islamischen Erklärung Jesus mit Worten aus dem Neuen Testament und nicht aus dem Koran zitiert wird. Zugleich erklärte er seine Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer theologischen Debatte mit dem Islam angesichts dessen Absolutheitsanspruches, der Diskussionen über den Koran ausschließt.


  • Erzbischof Williams, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, begrüßte die Erklärung der 138 als ein positives Zeichen für die Fortentwicklung des bisherigen Dialoges. Er stimmte ihnen zu, dass der Grund für den Glauben an einen Gott und die Nächstenliebe in den Schriften von Muslimen, Juden gelegt ist. Williams sprach aber auch die Einbeziehung anderer Religionen in den Dialog an - was eine Aufforderung zur Einbeziehung der Juden oder auch eine Distanzierung von der Idee einer besonderen "abrahamitischen" Ökumene des "Volkes des Buches" bedeuten kann. Er berührt das Thema Religionsfreiheit mit einem diplomatisch formulierten Hinweis auf die Lage von Minderheiten in Ländern, in denen entweder Islam oder Christenheit die Mehrheit bilden..


  • Bischof Hanson, Vorsitzender der Lutheraner in den USA sowie des Lutherischen Weltbundes, sah eine gemeinsame Vision für Juden, Muslime und Christen, die weitere Überlegungen nötig macht. Sein Antwortschreiben beginnt er mit einem religiösen Gruss, der für einen Lutheraner allerdings auffällig christologiefrei formuliert ist.


  • Der Brite David Coffey als Vorsitzender des Baptistischen Weltbundes äusserte sich in einer persönlichen Stellungnahme ebenfalls grundsätzlich positiv zur Erklärung der 138. Coffey sieht deren Hauptaussage darin, dass Unterschiede kein Grund für Hass und Unfrieden zwischen Christen und Muslimen sein dürfen. Er weist auf die Wichtigkeit der religiösen Freiheit hin.


[Bearbeiten] Kritische Rückfragen

Kritische Rückfragen wurden in den vorliegenden Stellungnahmen in zwei Richtungen angedeutet:

- Zum einen hinsichtlich der Praxis der Religionsfreiheit in islamischen Ländern, die Christen und andere Nichtmuslime .

vielfachen Einschränkungen unterwirft

- zum anderen hinsichtlich des theologischen Ansatzes, der die Unterschiede zwischen christlicher und islamischer Gottessanschauung und vor allem hinsichtlich der Stellung von Jesus Christus entweder zu verwischen scheint oder aber nach islamischen Spielregeln definiert - so zum Beispiel der Jesuit Christian Troll in der ZEIT.

Der anglikanische Bischof Nazir-Ali begrüßte die Einladung zum Dialog über den Frieden, kritisierte aber den Versuch, hier theologisch anzusetzen . Er sah in der Auswahl der Koranverse die Unterstellung, dass Christen erst zum Glauben an einen Gott zurückkehren müssten. "Unser Verständnis der Einheit Gottes ist nicht das, was Muslime darunter verstehen."

Ebenfalls kritisch wurde angemerkt, dass die Erklärung sich zwar ausdrücklich auf die jüdische Bibel (AT) bezieht, aber keine Einladung an Juden zu diesem Dialog ausspricht.

Ob die historische Besonderheit der Erklärung sich auf das Zusammenrücken des islamischen "Mainstream" oder auf die inhaltlichen Möglichkeiten des interreligiösen Gesprächs erstreckt, wird die Zukunft zeigen.


[Bearbeiten] Schweigen in deutschen Kirchen und der Presse

Aus Deutschland war seither keine Stellungnahme der angesprochenen Kirchen zu vermerken - ob man das Ereignis überhaupt zur Kenntnis genommen hat? Ein ähnliches Stillschweigen ist auch für die deutsche Presse und ihre seit dem 11. September 2001 so zahlreichen Islamexperten zu vermelden. Anscheinend hat es mehr Nachrichtenwert, wenn ein fundamentalistischer Prediger sich wütend über skandinavische Mohammedkarikaturen äussert oder gut mittelalterlich die Feinheiten des Züchtigungsrechtes gegenüber Ehefrauen aufzählt. Diese Hundertschaft nicht steinewerfender Obermuftis und Professoren lockte bisher keinen Kommentator hinter dem Ofen hervor.


[Bearbeiten] Ausnahme

Ausgenommen sei ausdrücklich die ZEIT, die in ihrer Ausgabe 43/2007 den katholischen Islamkenner Christian Troll mit einem differenzierten Kommentar zu Worte kommen lässt. Verglichen mit der Resonanz in den britischen und amerikanischen Kirchen und der englischsprachigen Presse macht das einen ausgesprochen provinziellen Eindruck.


[Bearbeiten] Quellen

  • Text der Erklärung auf Deutsch


Ein gemeinsames Wort zwischen uns und Euch (PDF)

(Englisches Original und weitere Fassungen auf der offiziellen Netzseite www.acommonword.com, dazu Stellungnahmen, einige Hintergründe und Leserkommentare)


  • Kommentar von Christian Troll SJ (erschienen in der ZEIT 43/2007 - hier als PDF): "Unsere Seelen sind in Gefahr -Ein beispielloser islamischer Appell zum Dialog mit den Christen ? und eine katholische Antwort"


  • Reaktionen von christlicher Seite (englischsprachig), u.a.









(Ingo Koll)