Bibliolog (Methoden)

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Was ist Bibliolog?

Bibliolog ist ein Weg, mit einer Gruppe oder Klasse einen biblischen Text zu entdecken und auszulegen, indem die Teilnehmenden sich in biblische gestalten hineinversetzen und aus ihrer Perspektive den Text erleben. Dabei werden die „Zwischenräume“ der Texte kreativ gefüllt. Weil diese Identifikation vor dem Hintergrund der eigenen Lebenserfahrungen geschieht, verweben sich Lebensgeschichte und biblische Geschichte miteinander. Die biblischen Texte werden auf diese Weise als lebendig und relevant für das eigene Leben erfahren.

Woher kommt Bibliolog?

Erfunden wurde der Bibliolog von dem jüdischen Amerikaner Peter Pitzele auf dem Hintergrund seiner psychodramatischen und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse. Er steht im Kontext rabbinischer Hermeneutik als moderne Form des Midrasch, nach der das "schwarze Feuer", die Texte in ihrem Wortlaut durch das "weißen Feuer" als Raum zwischen den Worten ausgelegt werden.

Wie sieht ein Bibliolog konkret aus?

Die Leitung führt nach einer kurzen Erläuterung der „Spielregeln“ in eine biblische Geschichte hinein. Sie erzählt die Situation, möglicherweise den Zusammenhang der Geschichte und regt die Fantasie der Teilnehmenden an, so dass sie sich gut in die Szene hineinversetzen können. Sie liest dann einen oder mehrere Verse aus der Bibel. Dann weist sie der Gruppe oder Schulklasse die Rolle einer biblischen Gestalt zu und spricht sie in dieser an.


In der Geschichte von dem Besuch Jesu bei den Schwestern Marta und Maria (Lk 10, 38-42) könnte zunächst Vers 38 gelesen werden: „Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf.“ Der Gemeinde, Gruppe oder Schulklasse wird zunächst die Rolle der Marta zugewiesen: „Sie sind Marta. Marta, du lädst Jesus ein, bei dir zu Gast zu sein. Was bewegt dich dazu? Was erwartest du dir von diesem Besuch?“
Wer möchte, äußert sich dazu (nacheinander) in der Rolle der Marta, und zwar in der Ich-Form. Die Anwesenden identifizieren sich mit der biblischen Gestalt, erkunden sie sozusagen „von innen“. Gleichzeitig füllen sie die Rolle und ihr Verständnis dieser biblischen Person aber mit ihren persönlichen Erfahrungen und Zugängen.
So mag die eine spontan äußern: "Ich möchte ihm etwas Gutes tun! Immer unterwegs, immer wollen alle etwas von ihm, bei mir soll er sich einmal ausruhen dürfen!“ Ein anderer sagt hingegen vielleicht: "Ich möchte möglichst viel mitkriegen von Jesus, und am meisten höre ich natürlich von ihm, wenn er bei mir zu gast ist!“ Eine dritte könnte äußern: „Ich bin selbst ganz überrascht, dass ich mich das getraut habe – aber irgendwie kam es so über mich.“
Die Äußerungen werden von der Leitung sprachlich aufgenommen und verstärkt. Dieses "echoing" verlangt von der Leitung neben der Fähigkeit zur Empathie und einem guten Kontakt zu den Einzelnen ein hohes Maß an Übung, denn Missverstehen und Fehlinterpretationen entmutigen und verkehren die Chance des Bibliologs in ihr Gegenteil. Dabei kann als „interviewing“ auch nachgefragt werden, wenn beispielsweise Inhalte nur angedeutet werden.
Nach einigen Äußerungen lenkt die Leitung zum Text zurück.. Ein nächster Satz oder Abschnitt wird gelesen. Erneut wird an einer Stelle inne gehalten, wo Fragen an den Text offen bleiben. Die Gemeinde bekommt erneut eine Rolle zugewiesen, die entweder eine andere Person oder auch die gleiche Person in einer späteren Situation sein kann.
So könnte weiter Vers 39 gelesen werden: „Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.“ Dann wird vielleicht Maria gefragt: „Maria, wie ist das für dich, zu Jesu Füßen zu sitzen und ihm zuzuhören, während deine Schwester schafft?“
Anschließend könnte die Gemeinde oder Gruppe erneut in der Rolle der Marta versetzt werden und sie gefragt werden, was sie sich in ihrem Innersten erhofft von ihrer Aufforderung an Jesus, Maria anzuweisen ihr zu helfen. Oder Jesus könnte gefragt werden, wie für ihn diese Situation ist. Auch eine im Text nicht direkt genannte Gestalt könnte befragt werden, vielleicht eine Freundin der Schwestern, wie sie die Szene erlebt hat oder ein Jünger Jesu, was dieser Dialog bei ihm auslöst. Selbst das Tuch in der Hand der Marta könnte eine Stimme bekommen – Fantasie ist erlaubt im Rahmen des weißen Feuers.
Nach einigen Abschnitten schließt die Lehrkraft, entlässt aus den Rollen und führt in die Gegenwart zurück. Anschließend kann mit dem im Bibliolog Erlebten weitergearbeitet werden.

Für wen eignet sich der Bibliolog?

Bibliolog eignet sich prinzipiell für jede Gruppe ab ca. 10 Personen, die sich mit einem biblischen Text beschäftigt. Sehr gut ist er im Religionsunterricht einsetzbar. Es braucht seitens der Teilnehmenden keine Voraussetzungen, sie müssen keinen Bibelkenntnisse und keine christliche Sozialisation mitbringen, so dass er sich auch für sehr heterogene Klassen eignet. Sein zeitlicher Rahmen von 15-20 Minuten eignet sich durchaus für eine Schulstunde. Erfahrungsgemäß lassen sich sowohl Kinder als auch Jugendliche gut auf den Bibliolog ein, Störungen kommen selbstverständlich vor, aber deutlich weniger als bei andren Methoden.

Wer kann Bibliolog anleiten?

Mit dem Bibliolog zu arbeiten, ist in einem einwöchigen Kurs erlernbar (der auch in zwei Teilen, beispielsweise an zwei Wochenenden angeboten wird). Dieser Kurs führt in den Bibliolog ein und vermittelt die Grundtechniken echoing und interviewing, die Vorbereitung einen Bibliolog, die Auswahl der Rollen und Fragen an die Teilnehmenden, das Hineinkommen und Hinauskommen sowie den Umgang mit „Stolpersteinen“. Der Besuch des Kurses ist unabdingbar für das Anleiten von Bibliologen – anders als dies manchmal auf den ersten Blick scheint, ist Bibliolog komplex und birgt Details, von denen das Gelingen eines lebendigen und spannenden Entdeckungsprozesses ganz wesentlich abhängt.

Wo kann man Bibliolog lernen?

Alle Kurse und weitere Informationen finden sich auf der Webseite www.bibliolog.de.