Bibliochat
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[Bearbeiten] Was ist Bibliochat?
Die Bezeichnung Bibliochat unterstreicht die Verwandtschaft dieser bibeldidaktischen Methode mit Bibliodrama und Bibliolog. Ziel ist es, einen persönlichen Zugang zu einem biblischen Text zu erwerben und eine individuelle Deutung zu erarbeiten.
Das ‚Neue‘ am Bibliochat ist, dass die Teilnehmenden in der Rolle einer biblischen Gestalt in einer Chat-Umgebung in einen fiktiven Dialog mit einer oder mehreren anderen biblischen Gestalten treten. Der jüdischen Auslegungtradition des Midrasch folgend werden auf diese Weise die Leerstellen zwischen den Worten der Bibel mit Leben gefüllt, wird das sogenannte ‚weiße Feuer‘ zum Lodern gebracht. Diesen Raum hat Wolfgang Iser im Sinne der Rezeptionsästhetik als das "wichtigste Umschaltelement zwischen Text und Leser" ausgemacht. Er ermöglicht es, "die Fremderfahrung der Texte kreativ auf eigene Erfahrungen zu beziehen." (Biehl 1999, 88, zit. Iser)
Kain: Lass uns auf Feld gehen, Abel! Abel: Was hast du vor? Kain: Ach, weiß nicht! Ich muss raus hier! ... Kain: Das hat mich eben fertig gemacht, ... Kain: das mit dem Opfer! Abel: Es ist wohl in letzter Zeit nicht so gut gelaufen, oder? Kain: Ey, überhaupt nicht! ... Kain: Frag mich, was das soll! (Beispiel aus einem Bibliochat zur Erzählung von Kain und Abel)
Dem eigentlichen Chat geht eine Phase des Eintauchens in die biblische Welt voraus, die im Wesentlichen durch einen einleitenden Text gestaltet wird. Dieser beschreibt einerseits die biblischen Personen und ihr Verhältnis zueinander und skizziert andererseits die Szene der biblischen Geschichte, von der aus der Chat startet.
Im Prozess entfernen die Teilnehmer sich nach und nach vom biblischen Text und arbeiten durch das Agieren im Dialog Merkmale der eigenen Persönlichkeit und der eigenen gegenwärtigen Lebenswirklichkeit sowie subjektive Sichtweisen auf den biblischen Text im Allgemeinen und die biblischen Dialogpartner im Besonderen heraus. Nach Abschluss des Chats identifiziert jeder Teilnehmer für sich im Chatprotokoll die seinen Beiträgen zu Grunde liegenden "persönlichen lebensweltlichen Themen" und überprüft mit Hilfe von Leitfragen, inwieweit sich diese im biblischen Text verorten lassen. Dabei kristallisiert sich i.d.R. (!) eines der Themen, die sich nachvollziehbar verorten lassen, als zentrales heraus. Dies ist der individuelle Zugang des Teilnehmers zu diesem Text, der Dreh- und Angelpunkt, der zum Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen werden kann.
Durch die folgende Gegenüberstellung von biblischen Aussagen zum gewählten Thema und der eigenen Sichtweise darauf arbeitet jeder Teilnehmer heraus, welche Bedeutung der biblische Text oder eine bestimmte biblische Person für das eigene Leben hat oder haben könnte. Der Reflexionsprozess mündet in eine individuelle Deutung des Textes bzw. eines einzelnen Verses.
[Bearbeiten] Warum Chatten?
Die zentrale Leistung des Bibliochats besteht in der Offenheit des Chat-Prozesses hinsichtlich des Einbringens der persönlichen Themen aus der Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden. Dabei begünstigt der beim Chatten entstehende flow das Einfließen der eigenen Persönlichkeit in die Auseinandersetzung unter den biblischen Gestalten, während die biblische Ausgangssituation für den Chat eine spätere Verortung der herausgearbeiteten Themen im biblischen Text sicherstellt. Der Flow, der der Chat-Kommunikation in Verbindung mit einer Art Rollenspiel eigen ist, führt bei den Teilnehmenden zu einer leichteren Herausarbeitung persönlicher lebensweltlicher Themen, als dies in anderen Verfahren der Fall ist.
Drei Merkmale des Chats unterstützen die Entstehung eines Flows:
[Bearbeiten] Schriftlichkeit
Synchrones schriftliches Kommunizieren beansprucht dauerhaft die Aufmerksamkeit des Teilnehmenden: Zum einen steht er im Dialog ununterbrochen in einem inhaltlichen Prozess des Informationsaustausches, zum anderen muss er sich auf einer formalen Ebene auf das Formulieren und Eintippen seiner Beiträge konzentrieren. In der Vereinigung inhaltlicher und formaler Tätigkeit richtet der Teilnehmer seine Aufmerksamkeit ungeteilt auf den Kommunikationsprozess.
[Bearbeiten] Notwendige Annahme eines Nicknames
Um im Chat Beiträge abgeben zu können, ist es notwendig, sich durch einen Nick, ein Pseudonym, zu identifizieren. Im Bibliochat stehen nur bestimmte Nicks zur Auswahl, nämlich die Namen der biblischen Personen, in deren Rolle die Teilnehmer schlüpfen können. Dadurch, dass die Teilnehmer nur aus der Rolle heraus sprechen können, erfolgt erstens um der Logik des schriftlichen Ergebnisses Willen eine gewisse Disziplinierung in der Formulierung, die wiederum dem Prozess zugute kommt. Störungen des flows durch Kommentare auf der Meta-Ebene oder dadurch, dass Teilnehmer in die dritte Person fallen (vgl. Uta Pohl-Patalong zum Bibliolog, Pohl-Patalong 2005, 68f), werden weitgehend verhindert. Zweitens bleibt durch die jedem Beitrag vorangestellte Anzeige des Nicks dem Teilnehmende die dem Chat zu Grunde liegende biblische Situation präsent.
[Bearbeiten] Kanalreduktion, Nivellierungs- und Enthemmungseffekt
Kommunikation im Chat ist im Vergleich zur Kommunikation von Angesicht zu Angesicht kanalreduziert. Durch die Beschränkung auf lediglich visuell rezipierbare Texte werden u.a. psychosoziale Hinweisreize herausgefiltert: Eine laute Stimme, ein bestimmtes Alter oder Geschlecht oder auch ein gefälliges Äußeres führen beim Kommunikationspartner in der Face-to-face-Kommunikation zu bestimmten Vorannahmen hinsichtlich der inhaltlichen Qualität der Kommunikationsbeiträge des Gegenübers. Im Chat bringen sie keinen Kommunikationsvor- oder -nachteil mit sich. (Döring 2000, 355f)
Die dadurch entstehende Nivellierung unterstützt die Ausbildung einer Ich–Du-Beziehung unter den Teilnehmern – es besteht kein wahrnehmbarer Grund, den anderen Teilnehmenden anders als positiv gegenüber eingestellt zu sein.
Diese Nivellierung hat weiterhin einen Enthemmungseffekt zur Folge, der sich positiv auswirkt in einer gesteigerten Bereitschaft, die eigene Persönlichkeit ins Gespräch einzubringen.
Das Herausfiltern sozialer Hinweisreize führt in Kommunikationsgruppen, deren Teilnehmer sich nicht kennen, oder in Gruppen mit anonym zugelosten biblischen Nicks vermutlich dazu, dass die Teilnehmer hinter den Nicks nicht in erster Linie die anderen Teilnehmer sehen, sondern die biblischen Personen, die ja mit dem Nick eindeutig bezeichnet werden. Maßgeblich für die Kommunikationsbeiträge ist das im Vorfeld erworbene Wissen, das die Teilnehmer über die jeweils anderen biblischen Personen bzw. über die Personenkonstellation und den biblischen Text überhaupt haben. Dies stärkt die Position des biblischen Textes und verhindert ein Abgleiten der Kommunikation in Beliebigkeit.
[Bearbeiten] Praxis des Bibliochats
Im Folgenden sind einige Bibelstellen aufgeführt, für die bislang Bibliochat-Angebote erstellt wurden. Achtung! Die Seiten hinter diesen Bibelstellen enthalten lediglich den biblischen Text und einige Kommentare für die Reflexionsphase. Die technische Unterstützung der Methode "Bibliochat" wird gegenwärtig erarbeitet. Klicke hier, um zur eigentlichen Bibliochat-Umgebung zu gelangen.
[Bearbeiten] Altes Testament
- Kain und Abel (Gen 4,1-16 EU)
[Bearbeiten] Neues Testament
- Maria und Marta (Lk 10,38-42 EU)
- Simeon und Hanna (Lk 2,22-38 EU)
- Elisabeth und Zacharias (Lk 1,5-25.57-80 EU)
- Hananias und Saphira (Apg 5,1-11 EU)
- Aqulia und Priscilla (Apg 18,1-3.18.24-26 EU)
- Petrus und Johannes (Joh 20,1-10 EU)
- Emmaus-Jünger (Lk 24,13-35 EU)
- Philippus und Nathanael (Joh 1,43-51 EU)
- Andreas und ? (Joh 1,35-42 EU)
- die "zwei Söhne" (Lk 15,11-32 EU)
- Jünger "zu zweit" (Lk 10,1-11.17-20 EU)
- Jakobus und Johannes (Mk 10,35-45 EU)
- Mutter und Brüder (Mk 3,31-35 EU)
[Bearbeiten] Literatur und weiterführende Links
Biehl, Peter: Festsymbole. Zum Beispiel: Ostern. Kreative Wahrnehmung als Ort der Symboldidaktik, Neukirchen-Vluyn 1999.
Döring, Nicola: Kommunikation im Internet: Neun theoretische Ansätze, in: Batinic, Bernad (Hrsg.): Internet für Psychologen, Göttingen (Hogrefe) 22000, 345–377.
Pohl-Patalong, Uta: Bibliolog. Gemeinsam die Bibel entdecken. Im Gottesdienst, in der Gemeinde, in der Schule, Stuttgart (Kohlhammer) 2005.
Diese Seite wurde zuletzt am 17.1.2008 geändert.

