Was ist Bibliochat?
Die Bezeichnung Bibliochat unterstreicht die Verwandtschaft dieser bibeldidaktischen Methode mit Bibliodrama und Bibliolog. Das Spezifische des Bibliochats aber ist das Chatten. Bibliochat ist eine Art Rollenspiel auf biblischer Grundlage, das mit Hilfe der vor allem bei Jugendlichen beliebten Chat- bzw. Instant-Messaging-Technologie durchgeführt wird. Ausgehend von einem in der Gegenwart verorteten, narrativen Impuls steigen im Bibliochat jeweils zwei Lernende in eine verfremdete biblische Geschichte ein und entwickeln in den Rollen biblischer Personen ein fiktives Schreibgespräch.
Dabei entfernen sie sich nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich durchaus vom biblischen Text, der aber als Folie unter dem Dialog bestehen bleibt. Dies wird in dem folgenden Ausschnitt eines Bibliochats zu "Kain und Abel" deutlich, bei dem die beiden Brüder vor Kains Bluttat ein Gespräch führen, das so nicht in der Bibel steht:
Warum Bibliochat?
Die didaktische Funktion des Schreibgespräches besteht darin, dass sich die Lernenden in der Rolle einer biblischen Person und im Dialog mit einem Gegenüber ihrer gegenwärtigen Gefühle, Befindlichkeiten, Bedürfnisse und virulenten Themen bewusst werden, die mit einem biblischen Text im Zusammenhang stehen könnten und dadurch aus ihrer eigenen Biografie heraus einen persönlichen Zugang zum biblischen Text gewinnen.
Wichtig ist, dass der Bibliochat vor der Lektüre des biblischen Textes stattfindet. Nur so kann er den Lernenden bei der Ausbildung einer je individuellen Position unterstützen, von der aus sie später in die Auseinandersetzung mit dem biblischen Text eintreten und zu persönlichen Interpretationen gelangen können.
Bibliochat am Beispiel
Im Folgenden erläutere ich exemplarisch die Durchführung eines Bibliochats zu Lk 15,11-32 EU. Der Bibliochat ist dabei Teil einer größeren Einheit, in der eine Pendelbewegung zwischen den Lernenden und dem biblischen Text stattfindet, die in einer kreativen Aktualisierung kulminiert. Der Bibliochat steht am Anfang dieser Einheit; seine Durchführung umfasst drei Phasen, die folgendermaßen auf Unterrichtsstunden verteilt werden könnten:
An die drei Phasen des Bibliochat, mit dessen Hilfe die Befindlichkeiten der Lernenden im Kontext des biblischen Textes erhoben wurden, und an die Verdichtung dieser Befindlichkeiten zu Zugängen schließen sich Phasen der Arbeit mit dem biblischen Text an, in denen (1.) Ergebnisse der Exegese von den Lernenden (z.B. im Stationenbetrieb oder durch die Lektüre eines Kommentars) erarbeitet oder von der Lehrkraft dargestellt werden und (2.) die Ergebnisse der Exegese den zuvor ermittelten Zugängen gegenübergestellt und auf Vereinbarkeit überprüft werden. Den Abschluss bildet eine kreative Aktualisierung des biblischen Textes (z.B. ein Text, eine Fotogeschichte, ein Theaterstück u.a.m.), in der der eigene Zugang und die exegetischen Erkenntnisse zusammengeführt werden.
Phase 1: Technische Vorbereitung
In der Phase der Vorbereitung stelle ich der Lerngruppe die Methode Bibliochat und ihre Funktion für die Auseinandersetzung mit einem biblischen Text vor und bespreche vorab potenzielle Unklarheiten (vgl. auch weiter unten), insbesondere technische, damit sich die Lernenden bei der Durchführung des Bibliochats ganz auf die Inhalte konzentrieren können.
Führt die Gruppe zum ersten Mal einen Bibliochat durch, ist es unabdingbar, dass sie sich in einem ersten Schritt mit der Chat-Umgebung und den für den Bibliochat notwendigen Funktionen vertraut macht. Es bietet sich an, das flashbasierte Chat-Modul von rpi-virtuell,zu nutzen, da keine aufwändigen Anmeldeprozeduren durchlaufen werden müssen und speziell benannte Bibliochat-Räume schon vorangelegt sind. Ich bitte die Lernenden, die URL [www.rpi-virtuell.de/chat] aufzurufen und sich bei der Login-Aufforderung zunächst mit einem Pseudonym ihrer Wahl (und ohne Passwort) einzuloggen. (Um an dieser Stelle inhaltliche anzügliche Nicknames zu vermeiden und erste Rollenspielversuche anzuregen, können Vorgaben gemacht werden, die auf phantasievolle Dialoge zielen. Beispielsweise muss der gewählte Nickname eine Frucht- oder Gemüsesorte sein, und im Chat gibt es einen Raum „Eintopf“ etc.) Bestimmte Kompetenzen im Umgang mit der Chat-Umgebung sind im Bibliochat wichtig oder hilfreich und sollten deshalb von den Lernenden vor der Durchführung des Bibliochats erworben werden. Als Arbeitsauftrag projiziere ich folgende Liste:
Verwendung des Chatmoduls von rpi-virtuell im Bibliochat
Alternativ kann ein Arbeitsblatt ausgeteilt werden, dass die Funktionsweise des Chat-Moduls anhand eines mit Erläuterungen versehenen Screenshots verdeutlicht. Unklarheiten sollten unbedingt besprochen werden; insbesondere das Erstellen eines eigenen Raumes und der Wechsel in diesen Raum stellt manche Lernende vor Probleme. Können alle Lernenden das Chat-Modul bedienen, bitte ich alle Teilnehmenden der Lerngruppe, das Chat-Modul zu schließen, derart, dass erneut die Login-Aufforderung erscheint.
In einem zweiten Schritt werden die Nicknames für den Bibliochat zugelost. In unserem Beispiel erläutere ich vorab, dass sich im Chat jeweils zwei Geschwister begegnen werden, wobei es wichtig ist, dass einer der beiden älter ist als der andere. Das Geschlecht lasse ich bewusst offen, damit Identifikationsprozesse nicht unnötig erschwert werden. Ich erkläre, dass die zugelosten Paarungen jeweils nach folgendem Schema gebildet werden:
- Der_Ältere_01 chattet mit Der_Jüngere_01 im Raum Bibliochat_01.
- Der_Ältere_02 chattet mit Der_Jüngere_02 im Raum Bibliochat_02.
- Der_Ältere_03 etc.
Dabei ist es statthaft, ggf. das eigene bzw. das gewählte Geschlecht deutlich zu machen, indem man als Nickname „Die_Ältere_01“ etc. eingibt.
Ich lasse in einem dritten und letzten Schritt der Vorbereitungsphase vorbereitete Lose mit den nummerierten Namen ziehen und bitte die Lernenden, sich gemäß den Vorgaben einzuloggen. Die Anonymität der Lernenden sollte dabei unbedingt gewahrt bleiben. Die Lernenden sollen sich in ihren Chatroom begeben und dort ein „Lebenszeichen“ austauschen. Danach sollten alle Lernenden ihre Bildschirme durch Eingabe von „/clear“ löschen, damit alles bereit ist für den Bibliochat. Sind die Vorbereitungen so weit gediegen, bitte ich die Lernenden, ihre Monitore auszuschalten, damit sie sich auf den inhaltlichen Beginn des Bibliochats konzentrieren können.
Phase 2: Durchführung
Die Durchführung des Bibliochats beginne ich mit einem Prolog, in dem ich die Lernenden bitte, die Augen zu schließen und eine entspannte Haltung einzunehmen. Ggf. schließe ich einige Körperwahrnehmungsübungen an, um sicherzustellen, dass die Lernenden sich sammeln und in einem Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit sind. Sodann lese ich ihnen die inhaltliche Hinführung zum Chat vor, die aus einer fiktiven Szene zu Beginn des Gleichnisses besteht, die in der Gegenwart angelegt ist:
Zu Beginn des Chats beobachte ich, ob unerwartete technische Probleme (z.B. ein versehentliches „Herausfliegen“ aus einem Chatraum) oder inhaltliche „Ladehemmungen“ auftreten. Wenn nötig, assistiere ich. Während des Chats versuche ich, durch Herumgehen oder Nutzen des „pädagogischen Netzwerkes“ erste Einblicke in die Gesprächsverläufe zu bekommen.
Phase 3: Auswertung
Sobald die ersten Chats sich dem Ende zuneigen, was den Beteiligten meist dadurch deutlich wird, dass sich die Argumentation im Kreis dreht oder buchstäblich „alles gesagt ist“, projiziere ich die nächsten Arbeitsschritte, die der Auswertung des Chats dienen. Unverzichtbar ist zunächst die Arbeit mit dem Protokoll des eigenen Chats:
In einem weiteren Schritt gilt es, ein präsentables Zwischenergebnis zu erarbeiten, das zur Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit dem biblischen Text werden kann. Dazu kann z.B. ein Arbeitsblatt dienen, das die beiden Geschwister am Tisch zeigt und Sprech- und Denkblasen zur Verfügung stellt. Die Aufgabe besteht darin, die Sprech- und Denkblasen so zu füllen, dass die persönlich als zentral empfundene Aussage des eigenen Chats festgehalten wird und zum Ausdruck kommt. Dabei müssen nicht zwingend Originalbeiträge in die Sprechblasen kopiert werden; Ziel ist vielmehr ein in sich stimmiges, aussagekräftiges Arrangement. Wenn die technischen Gegebenheiten es erlauben, sollten diese Arbeitsblätter direkt im Textverarbeitungsprogramm gestaltet werden. Das hat den Vorteil, dass die Größe und Anzahl der Sprech- und Denkblasen den Inhalten angepasst werden können.
Die anschließende (anonymisierte) Ausstellung und Diskussion der Arrangements und das gemeinsame Formulieren und Festhalten von Stichworten, die die Lebenswirklichkeit derer widerspiegeln, die in den Rollen der beiden Geschwister agiert haben, verdeutlicht die Vielfalt der individuellen Bezüge zwischen der Lebenswirklichkeit der Lernenden und der verfremdet dargestellten biblischen Situation. Die Lernenden erkennen, dass aus derselben Ausgangssituation ganz unterschiedliche Dialoge erwachsen, deren inhaltliche Vielfalt offensichtlich von den Persönlichkeiten der Chatter abhängt. Da der einzelne Lernende seinen individuellen Bezug zur dargestellten Ausgangssituation – möglicherweise unter Mühen – erarbeitet hat, vermag er den persönlichen Wert und die subjektive Gültigkeit auch der Ergebnisse der anderen Mitglieder der Lerngruppe zu erfassen. Die Erkenntnis des subjektiven Werts individueller Bezüge zu einem vorgegebenen Inhalt ist wichtig im Hinblick auf die später erfolgenden individuellen Auslegungen des biblischen Textes.
Arbeiten mit dem biblischen Text
An dieser Stelle endet der eigentliche Bibliochat. Die Lernenden sind sich durch die verfremdete biblische Gesprächssituation ihrer eigenen Befindlichkeiten bewusst geworden und haben einen persönlichen Bezug herausgearbeitet. Wenngleich der biblische Kontext verfremdet war, so standen die Dialoge doch in einer inhaltlichen Beziehung zu ihm. Die Ergebnisse der Auseinandersetzung mit den Chat-Protokollen sind zwar noch keine Deutungen des biblischen Textes, aber sie sind gesicherte persönliche Zugänge zum biblischen Text.
Die folgende Arbeit mit dem eigentlichen biblischen Text kann auf die im Bibliochat gewonnenen Erkenntnisse aufbauen. Der biblische Text ist nicht fremd, sondern von Anfang an vertraut. In der Auseinandersetzung mit dem Text muss ich mich nicht mehr darum bemühen, den Lernenden den Text näher zu bringen; vielmehr besteht meine Aufgabe darin, eine Distanz aufzubauen, die eine kritische Betrachtung des Textes möglich macht. Eine solche Abständigkeit erreiche ich dadurch, dass ich die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese des Textes darbiete, den Text in seinen historischen Kontext einordne und seine Stellung und Funktion innerhalb der Bibel verdeutliche (all dies kann natürlich auch in freien Arbeitsformen von den Lernenden selbst erarbeitet werden). Ist dies geschehen, können der zuvor erworbene persönliche Zugang und die allgemeinen, „wissenschaftlich gesicherten“ Erkenntnisse über den Text einander gegenübergestellt werden. Dabei geht es darum, zu überprüfen, in welchem Maße die persönlichen Zugänge mit den gesicherten Fakten und bestehenden Auslegungen vereinbar sind. In den meisten Fällen ergeben sich keine direkten Widersprüche, die einzelne persönliche Zugänge disqualifizieren würden. Eher sind die bestehenden Auslegungen und nachträglich erarbeiteten Fakten über den biblischen Text geeignet, die persönlichen Zugänge in einen größeren Kontext zu stellen.
- Vgl. dazu die Auslegung des Gleichnisses innerhalb der zweiten Enzyklika von Papst Joh. II., „Dives in Misericordia. Über das göttliche Erbarmen“ (1980), einsehbar unter www.vatican.va/edocs/DEU0072/__P5.HTM.
Kreative Aktualisierung des biblischen Textes
In der abschließenden Zusammenführung des persönlichen Zugangs und der exegetischen Fakten gestaltet jeder Lernende seine individuelle Interpretation des Gleichnisses. Darin dokumentiert er, welche Worte der biblische Text ihm gesagt hat, die er sich selbst nicht sagen konnte, und trägt zugleich zur Aktualisierung des Textes bei. Damit diese Aktualisierung Teil der Tradition wird, ist es notwendig, dass die unterschiedlichen Interpretationen am Ende in der Lerngruppe diskutiert und gewürdigt werden.
Materialien zum Beispiel-Bibliochat
Weitere Bibliochat-Angebote
Im Folgenden sind einige Vorschläge für biblische Personen/Texte aufgeführt, zu denen Studierende des Instituts für Theologie der Leibniz-Universität Hannover Bibliochats durchgeführt haben. Die verlinkten Seiten enthalten allerdings nicht die narrativen Impulse, sondern lediglich den biblischen Text und einige von den Studierenden erarbeitete Kommentare für die Reflexionsphase.
Altes Testament
Neues Testament
So solls aussehen:
Folgende Angebote bedürfen der Überarbeitung:
Literatur und weiterführende Links
- Das o.g. Beispiel ist ausführlich dokumentiert in: Schüttlöffel, Daniel: Bibliochat, in: Forum Religion 1/2009, 7-16. Dort auch mediendidaktische Überlegungen zur Kombination von Chat und internetbasiertem Rollenspiel sowie zur Rolle des Flows im Bibliochat.
- Zu den Eigenarten der Chatkommunikation: Döring, Nicola: Kommunikation im Internet: Neun theoretische Ansätze, in: Batinic, Bernad (Hrsg.): Internet für Psychologen, Göttingen (Hogrefe) 22000, 345-377.
- Zum Bibliolog: www.bibliolog.de oder Pohl-Patalong, Uta: Bibliolog. Gemeinsam die Bibel entdecken. Im Gottesdienst, in der Gemeinde, in der Schule, Stuttgart (Kohlhammer) 2005.