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Ludwig-Windhorst-Haus, Lingen-Holthausen
Bildungs- und Förderungswerk der GEW im DGB. e.V.
Die 8. Pädagogische Konferenz wurde durchgeführt vom 20.-22. November 2009 im Ludwig-Windhorst-Haus, Lingen-Holthausen.
Die in zwei- bis dreijährigem Turnus stattfindende Pädagogische Konferenz zum Thema Religion und Ethik ist konfessions- und religionsübergreifend. Vorbereitet und gestaltet wird sie von einem gemeinsamen Vorbereitungsteam der großen Lehrerverbände:
Die 8. Pädagogische Konferenz wird gefördert vom Bildungs- und Förderungswerk der GEW im DGB e.V.
Bildungsgerechtigkeit als Auftrag der Schule - Zumutung und Chance
Begrüßung durch Norbert Hocke - Blick ins Plenum
Dokumentation: Julia Born, rpi-virtuell (Inhalt); René Franzke, Leiter des TPI Moritzburg (Foto, Video)
Hinweis: Für Ihre Rückmeldung oder Ergänzung: Nachricht an Julia Born
Freitag, 20. November 2009
Begrüßung und Vorstellung
Norbert Hocke, GEW-Vorstand, Leiter des Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, eröffnete die Tagung:
"Bildungsgerechtigkeit - Als Auftrag der Schule - Zumutung und Chance, so lautet die Überschrift unter der wir vier Verbände unseren Dialog, unser Gespräch fortsetzen wollen. Es ist ein gutes Zeichen, dass wir bei Allem, was uns in der alltäglichen Auseinandersetzung trennt, und trotz der einen oder anderen grundsätzlichen Differenz den Dialog führen - auch als Vorbild für Auseinandersetzungen. Wir sprechen miteinander und setzen uns inhaltlich auseinander. Wir suchen das Gemeinsame und verschweigen aber auch nicht die Unterschiede.
Zeit, Inklusion, Teilhabe und Partizipation sind Prinzipien, die für die Vorbereitungsgruppe von wesentlicher Bedeutung waren.
- Es kann uns nicht ruhen lassen, wenn nur 23 % der Kinder aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien das Abitur machen, aber 88 % der Kinder aus Akademikerhaushalten.
- Es kann uns nicht ruhen lassen, wenn Bildung nur als Human Capital angesehen wird und der ökonomischen Verwertbarkeit unterworfen ist.
In der Präambel des Forum Bildung heißt es: 'Bildung bietet persönliche Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt. Bildung ermöglicht Teilhabe und die Gestaltung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens und Bildung ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt und Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung.' (aus: Empfehlungen des Forum Bildung 2001).
Erst diese Trias von Bildungszielen - und darin stimmen wir als Verbände überein - lässt das gute Leben ermöglichen und auch deshalb ist der gerechte Zugang so wesentlich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene."
Bildungs-Ungerechtigkeit und Schritte zu ihrer Überwindung
Bildungsgerechtigkeit - eine Illusion? Was geht, was nicht geht
Prof. Dr. Clemens Albrecht
Prof. Dr. Clemens Albrecht, Institut für Soziologie, Universität Landau, zur Frage: Woher kommt der Begriff Bildungsgerechtigkeit und was verbinden wir damit? Wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit nicht herstellen - wo ließe sich vielleicht ansetzen? Denn es ist zu bedenken: Jede strukturelle Intervention produziert auch wieder unerwünschte und unerwartete Effekte.
In diesem Kontext ist es wichtig, zu verstehen, wie unsere Gesellschaft sich aufbaut. Das Video zeigt einen Ausschnitt aus dem Referat, in Clemens Albrecht das "Tortenmodell" beschreibt.
Bildungsbenachteiligung und Schulreform - wie ein Problem nicht gelöst wird
Prof. Dr. Wolfgang Böttcher
Prof. Dr. Wolfgang Böttcher, Erziehungswissenschaften, Universität Münster
Strukturelle Reformen von Schule sind zielführend und notwendig. Das zeigt der Vergleich des deutschen Schulsystems mit anderen Ländern. Es ist aber die Frage, welche Reformen vorgenommen werden und wie sie eingebettet sind.
Zu beachten ist dabei auch, dass Schule bei uns heute immer noch zwei gegensätzliche Funktionen hat: Sie soll fördern und gleichzeitig selektieren. Das ist ein Widerspruch in sich, der das System bis hin zur einzelnen Lehrkraft unter Druck setzt.
Mit Maßnahmen wie Schulautonomie, Outputsteuerung und die Vorgabe von Bildungsstandards macht die Kultusministerkonferenz nach PISA Vorgaben für Veränderungen. Bei der Umsetzung sind die Schulen aber nicht in ein strategisches Führungs- und Umsetzungskonzept eingebunden, sie werden nicht angeleitet oder unterstützt. Die Ergebnisse werden nicht zur Optimierung der Umsetzung und zum gezielten Einsatz von Unterstützungsmaßnahmen genutzt.
D.h. es werden zwar Instrumente aus der Wirtschaft auf die Schule übertragen, aber nicht so angewendet, wie eigentlich vorgesehen. Wenn Schulen oder Lehrkräfte daran scheitern, wird ihnen dafür die Verantwortung gegeben. Wobei es eigentlich eine Führungsaufgabe von Kultusministerien und Kultusministerkonferenz wäre, die Schulen zum Erfolg zu führen.
Zu akzeptieren, dass ein Fünftel bis ein Viertel der 15-Jährigen im Lesen, Schreiben und Rechnen auf Dauer bestenfalls Grundschulniveau erreicht, ist moralisch falsch und gesellschaftlich dysfunktional. Mindeststandards, die definieren, was jedes Kind mindestens können und wissen muss, wenn es die Schule verlässt, könnten Abhilfe schaffen. Begleitend von entsprechenden Unterstützungs- und Fördermaßnahmen könnten sie größere Bildungsgerechtigkeit sorgen.
Nachgefragt und angemerkt
Prof. Dr. Christoph Scheilke
Prof. Dr. Christoph Th. Scheilke, Direktor des Pädagogisch Theologischen Zentrums Stuttgart
Impulse zur Diskussion: Konsens bei beiden Referenten besteht in den Feststellungen: Das Bildungswesen kann einen Beitrag leisten zur Bildungsgerechtigkeit. Und: Im Mittelpunkt steht das Kind.
Gleichzeitig muss ein Staat, der Schulpflicht erlässt, auch Rechenschaft ablegen, wie er Schule gestaltet. Und hier ist festzustellen: Das Schulsystem fördert Bildungsungerechtigkeit und strukturelle Bildungsbenachteiligung. Dafür gibt es empirische Belege.
Bildungsgerechtigkeit hat - so die EKD-Denkschrift "Gerechte Teilhabe" - zwei Dimensionen: Befähigungsgerechtigkeit und Teilhabegerechtigkeit. Dazu ein Zitat aus der Denkschrift:
"Eine Kirche, die auf das Einfordern von Gerechtigkeit verzichtet, deren Mitglieder keine Barmherzigkeit üben und die sich nicht mehr den Armen öffnet oder ihnen gar Teilhabemöglichkeiten verwehrt, ist - bei allem möglichen äußeren Erfolg und der Anerkennung in der Gesellschaft - nie die Kirche Jesu Christi. ... Die Option für die Armen spielt nicht Arme gegen Reiche aus. Sie nimmt die Wohlhabenden in die Verantwortung, sie hat aber dabei die Inklusion aller in die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse zum Ziel. So lange dieses Ziel nicht für die schwächsten Glieder einer Gesellschaft verwirklicht ist, verdienen sie vorrangige Aufmerksamkeit."
(Gerechte Teilhabe - Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, Juli 2006. Güterloher Verlagshaus. S. 15, 25)
Samstag, 21. November 2009
Bildungsgerechtigkeit ... vor Ort ermöglichen - Arbeitsgruppen I
Kath. Friedens-Gesamtschule Münster
Leitung: Ullrich Bertram, Gesamtschuldirektor der Friedensschule Münster
Die Friedensschule - bischöfliche Gesamtschule in Münster
Bildungsgerechtigkeit bedeutet für die Friedensschule Orientierung an folgenden Grundsätzen: Soviel Integration wie möglich, soviel Differenzierung wie nötig. Jedes Kind soll den Unterricht erhalten, in dem es am besten lernen kann.
Das anonymisierte Beispiel eines Schülerschicksals verdeutlicht das: Bei einem Kind schien eine gelungene Schullaufbahnentwicklung eher unwahrscheinlich. Eine äußerst schwierige familiäre Situation sowie eine kritisch-pessimistische Schullaufbahnempfehlung führten zu dieser Einschätzung. An der Friedensschule wurde das Kind stabilisiert - mit Hilfe eines Differenzierungssystems, fachlicher Förderung und vielfältige psychosozialer Unterstützung im Umfeld.
Erforderlich für ein solches Unterstützungskonzept sind gut abgestimmte schulische Förder- und Beratungsstrukturen sowie ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Einsatzbereitschaft von Lehrkräften und anderem pädagogischen Personal. Erforderlich ist zudem die Bereitschaft, sich von den manchmal geringen Fortschritten, den Rückschritten und der zum Teil fehlenden familiären Unterstützung nicht entmutigen zu lassen.
Aufsuchende Elternschule
Leitung: Claus Schäfer, Leiter des Büros für Integration, Marburg
Anlass für die Aufsuchende Elternschule im Landkreis Marburg-Biedenkopf waren schlechte Startchancen und Schulleistungen der Kinder mit Migrationshintergrund und die Isolation und mangelnde Integration der Familien, insbesondere der Frauen.
In der Aufsuchenden Elternschule erhalten junge Zuwanderer-Eltern, insbesondere die Mütter, Hilfestellung und Beratung bei der Erziehung und Förderung ihrer 2-5-jährigen Kinder. Die Angebote richten sich an türkeistämmige und russlanddeutsche Migrantenfamilien. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sprachentwicklung (Muttersprache und Zweitsprache). Die Hilfestellung erfolgt individuell zu Haus durch kulturell vertraute, zweisprachige AnleiterInnen und in parallelen Mutter-Kind-Gruppen. Zusätzlich werden Kurse und Informationsveranstaltungen angeboten.
Seit 2005 haben über 200 Familien am Kernprogramm mit Hausbesuchen und Mutter-Kind Gruppe teilgenommen und über 2000 Erwachsene an den Informationsveranstaltungen, Seminaren und am Mutter-Kind-Turnen. So wird Isolation aufgebrochen und gesellschaftliche Teilhabe angestoßen.
Ev. Gesamtschule Gelsenkirchen
Leitung: Volker Franken, stv. Schulleiter,
Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen - Bismarck
Die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen (EGG) ist als Schule in der Trägerschaft der EKvW 1998 gezielt in einem Stadtteil mit besonderen - auch pädagogischen und erzieherischen - Bedarfen gebaut wurden. Die EGG versuchte kompensatorisch zu wirken, in dem sie auch bildungsfernen Familien und Kindern mit Migrationshintergrund, die mehr als 30% der Schülerschaft ausmachen, zu höherwertigen Bildungsabschlüssen verhilft.
Die Schule betont den gemeinsamen schulischen Lebensraum und die Identifikation mit den Klassenhäusern, in denen die einzelnen Jahrgänge für sechs Jahre beheimatet sind und die als besonderes architektonisches Prinzip von den Schülern mitgestaltet worden sind. Um die Integration durch schulische Bildung bemüht sich die EGG mit Hilfe ihres Schulprogramms, dem FELS-Konzept.
Wartburg-Grundschule Münster
Leitung: Bettina Pake, Konrektorin, Wartburg-Grundschule, Münster
"Mein Ziel für diesen Workshop war, beispielhafte Praxis zur Bildungsgerechtigkeit aus der Wartbug-Grundschule Münster vorzustellen, zum Nachdenken über das eigene System anzuregen und Lust auf Veränderung zu machen.
Was muss eine bildungsgerechte Schule leisten?
Sie wird allen Kindern gerecht. Sie ermutigt Kinder. Pädagogen regen an, begleiten, fördern und fordern die Lernentwicklung jedes Kindes. Sie beschämt kein Kind. Sie ist eine Schule mit Respekt voreinander und ohne Auslese. Sie ist ein Ort, in dem alle Kinder voneinander und miteinander lernen und leben können. Sie bietet viel Zeit für gemeinsames Lernen und selbstgewählte Aufgaben.
Sie sichert das pädagogische Wissen über jedes einzelne Kind und macht es pädagogisch zugänglich - auch über den Systemwechsel hinaus. Sie schafft dafür in der Schule passende strukturelle Voraussetzungen und institutionalisiert diese."
... mit Prinzipien gestalten - Arbeitsgruppen II
Inklusion - niemanden zurücklassen
Leitung: Dr. Irmtraud Schnell, Goethe-Universität Frankfurt a. Main
Die Forderungen "Niemanden zurücklassen" und "Inklusion" vermitteln zwei unterschiedliche Ansprüche an die Gesellschaft und an Erziehungs- und Bildungseinrichtungen. Während der Appell "Niemand zurücklassen" vom Pol der Macht (Theunissen 2009) aus ausgesprochen wird, werden "Soziale Inklusion" und "Partizipation" in der neuen UN-Konvention von Menschen mit Behinderungen selbst als "inclusive education system" eingefordert.
Wenn wir ernst nähmen, was wir über das Lernen von Kindern wissen, bedürfte es struktureller Veränderungen. Andererseits können auf der Ebene der Mikroprozesse schon jetzt viele Beiträge zur Bildungsgerechtigkeit geleistet werden, die dem Ziel der Inklusion dienen.
Nachdem die Fragwürdigkeit des Versuches begründet ist, homogene Lerngruppen zu bilden, sollen mögliche Schritte an zwei Beispielen aufgezeigt werden, und zwar zum jahrgangsübergreifenden Lernen, auch in der Sekundarstufe I und zur Leistungsdokumentation und -bewertung (vgl. dazu den Film "Wir lernen so! Zu Gast bei den Kindern der Klasse MA der Montessori-Gesamtschule Potsdam". Universität Potsdam 2004.).
Kinder und Jugendliche - sind sie den ganzen Tag
Leitung: Florian Meisser, Kath. Studierende Jugend, Köln
Wenn wir über Bildungsgerechtigkeit sprechen können wir uns nicht nur auf die Zeit beschränken, die Jugendliche im Unterricht verbringen. Wir müssen vielmehr die gesamte Lebenswelt der Schüler und Schülerinnen betrachten und nachfragen, inwiefern wir ihnen über den ganzen Tag die Möglichkeit geben können, sich selbstbestimmt zu entwickeln und zu entfalten. Die Freizeit der Kinder sollte so gestaltet sein, dass sie nicht – weil Vater und Mutter arbeiten – aus Fernsehen und Spielekonsolen besteht.
Die Jugendverbandsarbeit bietet hierzu eine sehr gute Alternative. In der Arbeit mit Gleichaltrigen lernen die Kinder sich selbst und ihre Umwelt besser kennen, können sich sozial engagieren und in eigenen Projekten verwirklichen. Eine Kooperation von Schule und Jugendverbandsarbeit ist somit in einer Ganztagsschule überaus sinnvoll und fruchtbar, da eine solche Arbeit den Schülern und Schülerinnen einen freien Raum gibt, in dem sie sich selbstbestimmt und unabhängig entwickeln können.
Bildung ist - Zeit
Leitung: Manfred Molicki, Rektor der Haslachschule VS-Villingen,
Leben und Bildung vollzieht sich nicht linear, nicht nach Stoffplänen und nicht so, dass die Uhr das Maß angibt. Die lehrenden und lernenden Personen sind nicht vergleichbar mit Maschinen, sondern sind lebendige Organismen, die für die eigenen Entwicklungsvorgänge ihre Eigenzeitlichkeit besitzen. Sie muss berücksichtigt werden, wenn der Organismus nicht schwerwiegend geschädigt werden soll. Für die gebildeten alten Griechen war das nichts Neues. Sie schufen das Wort "Schule" (griech. scholè), was übersetzt heißt: Muße!
In einer Schule mit ZEITkultur hat man genügend Muße, weil man andere Prioritäten setzt und sich die Zeit nimmt, die man braucht, um echte Bildung zu ermöglichen. Dieses Vorgehen erfordert aber einen wesentlichen Schritt: Unsere Schule muss nicht nur das Lernen lehren, sondern auch das Ent-lernen, das Auflösen "gelernter" destruktiver Denkweisen und Handlungsstrategien. Dazu gehört zentral der angemessene Umgang mit der ZEIT.
Sonntag, 22. November 2009
Bildungsgerechtigkeit ... gesellschaftliche Ansätze
Bildung braucht Muße - Bildung braucht Zeit
Dr. Andreas Verhülsdonk, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz:
Was macht das "Tempi-Papier" der Kirchen noch aktuell?
Hintergrund: Das Tempi-Papier enthält zehn Thesen zur Bildungsdebatte, die am 16. November 2000 anlässlich des Bildungskongresses "Tempi - Bildung im Zeitalter der Beschleunigung" der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Von der evangelischen und katholischen Kirche formuliert, sind sie als Votum aus genuin christlicher und kirchlicher Sicht gedacht.
Wissen braucht Maß - Lernen braucht Ziele - Bildung braucht Zeit
Die Frage nach der Bildung ist häufig von Wunschdenken geprägt. Die Frage nach der Effizienz in der Bildung ist berechtigt, gegenwärtig ist aber der Einfluss des wirtschaftlichen Denkens, der Wirtschaft allgemein, zu stark. Unser Bildungsverständnis ist viel zu stark auf die Bereiche Wissenschaft und Ökonomie ausgerichtet.
Wenn man sich die Frage stellt: Was passiert eigentlich, wenn die Fächer Politik, Sport, Philosophie, Musik, Kunst und Religion aus dem Fächerkanon verschwinden würden? Es fehlt dann das Denken in der anderen Dimension, zum Beispiel das Nachdenken über den wahren Gott, der im Judentum erst durch die Erfahrung der babylonischen Gefangenschaft als einziger Gott erkannt wurde. Deutlich wird dann auch, dass der Sonntag als Tag der Muße zu würdigen ist. Daraus kann man durchaus Forderungen für den Schulalltag ableiten, denn auch dort brauchen wir Freiräume und Zeit. (Zusammenfassung: Hermann Abels, AEED)
Bildung braucht Gemeinsamkeit - Bildung braucht jede
OKR Dr. Jürgen Frank, Ev. Kirche in Deutschland, Leiter Abt. Bildung
Protestantische Kanzelrede und politisches Nachtgebet zu verbinden, nannte Dr. Frank als Ziel seines Referats. In einem ersten Teil - Information - wies er auf den Zusammenhang zwischen Bildungskrise und Demokratiekrise hin. Die "Feigheit der Politik und das Einknicken vor den Privilegierten" seien es, die Deutschland ruinierten. So bleibt ein Schulsystem, in dem planmäßiges Scheitern, frühe Auslese und zahlreiche Abbrecher zum Standard gehörten. Wer verloren geht, hat kaum noch Chancen. Dabei sichert Bildung der Kinder die Zukunft - oder auch nicht. Wer an den Kindern spart, wird in Zukunft verarmen. "Wir brauchen jede. Hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben!"
Im zweiten Teil - Meditation - stand die Kindersegnung im Mittelpunkt. Im dritten Teil - Aktion - wies Dr. Frank auf das Schwerpunktthema der Synode 2010 hin: Bildungsgerechtigkeit. Es gilt Teilhabegerechtigkeit zu schaffen - auch bei unterschiedlichen Voraussetzungen, Lebenslagen und individuellen Verschiedenheiten - und Menschen zu befähigen, am Austausch teilzunehmen. Denn die Verantwortung für die Kinder betrifft Kirche und Staat.
Bildung braucht Unterstützung - Bildung braucht Mittel
Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender der GEW Nordrhein-Westfalen
An Schulen in Deutschland besteht aktuell ein errechneter Investititionsbedarf von 75.000.000.000 €, alleine was die Schulgebäude betrifft. Dem Vergleich mit der Bank vor Ort kann derzeit keine Schule standhalten. Laut demografischen Schätzungen gibt es einen Schülerrückgang von 17-18%, dieser ist aber sehr ungleich verteilt in verschiedenen Bundesländern. Nötig wären zusätzlich rund 1.000.000.000 € Investition in Lehrerausbildung und Fortbildung.
Auch die OECD-Befunde, die sich auf 2006 beziehen, belegen, dass die Bildungsausgaben in Deutschland deutlich unterhalb des Durchschnitts liegen. Es lässt sich darüber diskutieren, welche Zahlen bei der Berechnung einbezogen wurden. Auf jeden Fall macht die Berechnung der OECD die Bildungsausgaben länderübergreifend vergleichbar.
Gibt es in der Krise einen Durchbruch, dass Bildung finanziert wird? Möglich wäre das, z.B. mit einer Einkommenssteuer wie unter Kohl, einer Vermögenssteuer wie in Großbritannien oder einer Erbschaftssteuer wie in den USA. Zwei dieser drei Vorschlägen wären bereits ausreichend, um die notwendigen Investitionen zu ermöglichen.
- Präsentation als PDF-Datei: mehr
Gedanken zum Tagungsabschluss
Hans Wittmann, AEED: Bei der Tagung kam Trauer zur Sprache: Darüber, dass Kinder von der Schule in die Gesellschaft entlassen werden ohne die Chance auf gerechte Teilhabe, dass die Kräfte der Unterrichtenden begrenzt sind und sie strukturelle Defizite nicht ausgleichen können.
Dennoch bleibt Bildungsgerechtigkeit eine Zumutung, der wir uns nicht entziehen können: In 3000 Jahren europäischer Ethik-Geschichte stand nicht die Feier des Ego im Mittelpunkt, sondern das Gegenüber, der Nächste, der Bruder. Die christliche Botschaft sagt es in fünf Worten: Einer trage des anderen Last.
Die Pädagogische Konferenz, in welcher seit Jahren mehrere Lehrerorganisationen zusammenarbeiten, bekommt hier ihre besondere Bedeutung, weil sie uns vergewissert: Wir sind vernetzt - und also nicht ohne Chance, dem Ziel näher zu kommen.
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Bildungsgerechtigkeit - aktuell
- Investitionen in Bildung: Jeder Euro lohnt sich
Jede/r fünfte Fünfzehnjährige verlässt derzeit die Schule mit Kenntnissen auf Grundschulniveau. Auf rund 2,8 Billionen Euro summieren sich die Folgekosten durch entgangenes Wirtschaftswachstum in den kommenden achtzig Jahren - der Lebensspanne heute geborener Kinder. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung erläutert Hintergründe und stellt konkrete Reformvorschläge vor. - mehr
Einladung zur 8. Pädagogischen Konferenz
Der gesellschaftliche Auftrag nach Gerechtigkeit, nach Bildungsgerechtigkeit in der Schule ist leicht ausgesprochen. Wie diese Gerechtigkeit auszugestalten ist, wird in vielen Fällen der Schule selbst überlassen. Damit
kommt der Schule, jeder einzelnen Schule eine besondere Bedeutung zu. Zumutung und Chance, so der Untertitel unserer Pädagogischen Konferenz, zeigt auf, vor welcher Herausforderung die Schulen stehen.
Es ist Tradition der Pädagogischen Konferenz, dass alle beteiligten Organisationen ihre Sichtweisen zu dem
jeweiligen Thema einbringen können. Aus dem Dialog heraus entstehen Hinweise, Hilfen und Schritte, die
vor Ort genutzt werden können, aber auch in der gesellschaftlichen Diskussion eine Rolle spielen.
Rückblick: 7. Pädagogische Konferenz
Die 7. Pädagogische Konferenz fand vom 9.-21. November 2007 im Kloster Drübeck statt: 7. Pädagogische Konferenz. Das Thema lautete "Verständigung der Kulturen - Kultur der Verständigung in der Schule".